Wenn Kinder spielen ...

19.02.2024 / Oliver Wittwer / PDF

Wenn Kinder spielen, vertiefen sie sich vollständig mit ihrer Vorstellung und ihren Gefühlen in ihr Spiel. Dasselbe geschieht, wenn sie ihre Mitmenschen beobachten, angefangen bei ihren Eltern, Geschwistern, Spielkameraden oder andere Erwachsene. Und das tun sie sehr genau, und oft mit voller Hingabe. Sie verstehen möglicherweise nicht alles, was sie sehen, doch sie fühlen die dahinterliegende Dynamik, und sie beobachten, was mit den Akteuren emotional geschieht. 

So sind sie stets bestrebt, sich selber zu entdecken, ihre Fähigkeiten und ihre Grenzen zu erkunden. Getrieben vom Wunsch, geliebt und gesehen zu werden und ihr Wesen zum Ausdruck zu bringen, suchen sie sich Wege und Rollen, die sie gehen und in die sie schlüpfen können, um ihre Bedürfnisse erfüllt zu bekommen. In der Kindheit werden so die Weichen für später gestellt. Und diese Weichenstellungen entscheiden, wie ihr zukünftiges Leben verlaufen wird. 

Bereits eine Szene in einem Animationsfilm kann in einem Kind den Wunsch wecken, so zu sein, wie es der Akteur in dieser Szene ist. Beispielsweise, dass es von anderen gefeiert wird, wenn es andere Wesen verletzt. Wenn das Kind damit in Resonanz geht und glaubt, auf ähnliche Weise Anerkennung für sich zu bekommen, kann sich die gezeigte Strategie als unbedingtes Ziel in das Kind verankern, und fortan wird es experimentieren und sich bei Erfolg weiter dieser Strategie verschreiben. Und so wird es dieses Spiel immer und immer wieder spielen wollen. 

Wenn wir als Eltern unseren Kindern dienen wollen, dann sollten wir sie in ihrem Spielen beobachten. Was spielen sie? Was fühlen sie dabei? Und welche Ziele verfolgen sie in ihrem Spiel? 

Wenn wir erkennen, dass ihr Spiel keinen lichtvollen Ausweg enthält oder andere Wesen verletzt, dann ist es unsere Aufgabe, ihnen liebevoll Impulse zu vermitteln, damit sie in ihren mentalen und emotionalen Geschichten ein für alle Beteiligten lichtvolles Ende finden können. 

Ja, es ist unsere Aufgabe, sie ohne Zwang zu führen. Und kennen wir keinen Ausweg aus ihren Geschichten, die ja meistens auch unsere Geschichten sind, dann ist es unsere Pflicht und Aufgabe, einen Ausweg zu finden, damit wir ihnen den Weg zeigen können. Und manchmal sind die Kinder weiter als wir. Dann dürfen wir sie als unsere Lehrer annehmen, denn sie besitzen oft die Fähigkeit, Wege zu sehen, die wir längst vergessen hatten. So dürfen wir uns gemeinsam mit ihnen ent-wickeln - und uns so aus unseren mentalen Verwicklungen lösen.