Die Oberflächlichkeit von Meinungen

22.08.2021 / Oliver Wittwer / PDF

WeltbilderUnterscheidungsvermögenAnalysen

Responsive image

"Ich habe meine Meinung!" und "Das ist meine Meinung dazu!" sind Sätze, bei denen sich mir alles zusammenzieht und ich das Gespräch sofort in eine andere Richtung lenke, oder einfach lächelnd schweige und es beende. Den Begriff "Meinung", wenn er im Sinne einer gemachten Ansicht zu einem Thema verwendet wird, empfinde ich so oberflächlich und unreflektiert wie die Poster in einem Kinderzimmer. 

Die Poster im Kinderzimmer verurteile ich nicht, denn sie drücken ein natürliches Bedürfnis eines Kindes oder Jugendlichen aus. Kinder identifizieren sich mit ihren Idolen. Das können Helden aus Filmen sein, erfolgreiche Sportler, Popstars usw. Und ich verstehe, dass Kinder so wie sie sein möchten. Sie wissen zwar nicht in der Tiefe, was sie daran so fasziniert, aber es gibt ihnen eine gewisse Orientierung und Halt. Wenn man Kinder nach dem Grund fragt, wieso sie von diesem oder jenem ein Poster aufgehängt haben, kommen Antworten wie "Der Held X ist so stark!", "Der Sportler Y wird von allen bewundert.", "Die Sängerin Z ist so schön und singt so schön, alle mögen sie." Der Grund dafür ist wohl darin zu finden, dass diese Idole suggerieren, dass sie durch ihren Erfolg, ihre Stärke oder ihre Schönheit geliebt, bewundert oder sicher sind. Wer möchte das nicht, insbesondere Kinder und Jugendliche? Sie wollen also so sein wie diese Idole und die gleiche Aufmerksamkeit, Liebe und Bewunderung erhalten. Auch ich hatte zweimal in meinem Leben Poster aufgehängt. Einmal vom Held aus "Unendliche Geschichte" (Atreju), und einmal von einer Sängerin. 

Bei Meinungen verhält es sich ähnlich. Es werden Ansichten von irgendwoher übernommen. Meist ebenfalls ohne Kenntnis davon, wieso man genau diese Ansicht gewählt hat, und was an dieser Meinung so relevant oder richtig sein soll. Und oft werden sie dann unreflektiert sogar noch verteidigt. Bei jemandem, der so plakativ "das ist meine Meinung" schreit, kann ich mir meistens fast sicher sein, dass er nie tiefer über die Sinnhaftigkeit seiner Meinungen, deren Wahrheitsgehalt oder den Grund, wieso er diese Meinungen vertritt, nachgedacht hat. Sein Weltbild kann man in der Regel als plakativ bezeichnen. 

Wer nicht weiss, aus welchem Grund er eine Meinung gewählt hat, wieso er sie vertritt und verteidigt, ist meiner Auffassung nach vergleichbar mit einem Kind, welches Poster von Idolen in seinem Kinderzimmer aufhängt. Nur mit dem Unterschied, dass er zumindest körperlich erwachsen ist. 

Jeder, der sich schon tiefer über die Welt und deren Zusammenhänge Gedanken gemacht hat, weiss aus Erfahrung, dass eine Diskussion über die Meinung eines Meinungsfesthalters nur Energieverschwendung bedeutet und keinen Erkenntnisgewinn bringt. Denn wenn ein Meinungsfesthalter sich auf eine sachliche Auseinandersetzung mit seiner Meinung einlassen würde, würden ihm schnell die Argumente ausgehen. Er müsste eigenständig über die Gegenargumente sowie seine eigenen Argumente reflektieren. Das würde sein plakatives Weltbild sehr schnell zerfetzen. Und niemand mag es, wenn sein Weltbild Risse bekommt. 

Ich selber vertrete grundsätzlich keine Meinung über irgendetwas. Insbesondere dann schon gar nicht, wenn ich nicht eingehend über einen Standpunkt nachgedacht habe und solide Gründe dafür gefunden habe. Ich bevorzuge persönlich die Begriffe "Sichtweisen" und "Perspektiven". Diese sind relativ. Und ich kann durchaus fremde Perspektiven und Sichtweisen einnehmen, ohne sie gleich als Wahrheit in mein Weltbild integrieren zu müssen. Und ich muss sie auch nicht um jeden Preis verteidigen. Denn auch wenn ich mir bei einer Sache sehr sicher bin, kann es immer wieder vorkommen, dass meine Perspektive noch erweiterungsfähig ist.