Der Weg aus Platons Höhle

06.12.2021 / Oliver Wittwer / PDF

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Vielen Menschen ist Platons Höhlengleichnis ein Begriff. Ich empfehle jedem, der es noch nicht kennt, einmal danach zu suchen. Dieses Gleichnis beschreibt anschaulich, wie wir Menschen in einer Scheinwelt leben und diese für wahr halten. Man mag schnell glauben, es verstanden zu haben. Und man kann es sich kaum vorstellen, dass diese Menschen in der Höhe tatsächlich diese Illusion glauben würden. Und vorschnell glauben wir, dass es uns selber nicht so ergehen kann, schliesslich …

Mit diesem Text zeige ich auf, dass wir uns alle mehr oder weniger noch in Platons Höhle befinden und immer noch Schatten für die Wirklichkeit halten.

Eine meiner besonderen Stärken ist die Fähigkeit, sehr genau zu wissen, ob ich eine Sache vollständig verstanden habe oder nicht. Schon im Gymnasium wusste ich bei Mathematik- und Physikaufgaben immer, wie ich zur Lösung kommen würde und wusste auch immer genau, ob die Lösung korrekt war oder nicht. Diese Fähigkeit konnte ich dann später im Physikstudium intensiv nutzen und zur Anwendung bringen. Und trotz dieser Fähigkeit tappte ich später doch in die Illusions-Falle, dass ich "glaubte zu wissen", aber "nicht wusste, dass ich nur glaubte". Und zwar als ich eine Zeitlang spirituelle Bücher regelrecht verschlang. Auch hier hatte ich zwar einen guten Riecher für wahre Informationen und verstand sehr vieles sofort. Irgendwie schien mir diese Art von Wissen innerlich vertraut zu sein und ich sortierte die Informationen sehr zuverlässig nach Wahrheitsgehalt oder zumindest nach potentiellem Wahrheitsgehalt. Doch das, was ich als wahr einstufte, glaubte ich und hielt mich dann unbewusst an "Vorstellungen" fest. Und ich "glaubte zu wissen".

Erst später, als ich mich noch tiefer mit meinem eigenen Bewusstsein, meinem Denken und den verborgenen Glaubensätzen in meinem Unterbewusstsein auseinandersetzte, musste ich erkennen, dass vieles, was ich für wahr hielt, lediglich Konzepte waren, die ich übernommen hatte. Konzepte, also Vorstellungen, wie dieses oder jenes zu sein hatte, oder wie ich glaubte, dass es sein würde. Es ist gut möglich, dass vieles davon auch tatsächlich wahr war und ich es intuitiv spürte. Dennoch waren es "Vorstellungen" und nicht erlebte Wirklichkeit oder echtes Erkennen.

Durch diese Erkenntnis veränderte sich meine Wahrnehmung. Ich begann, die Dinge, die sich hinter meiner Schädeldecke abspielten, zu beobachten und wahrzunehmen. Ich lernte zu unterscheiden, ob ich bloss mit Konzepten Lego spielte, oder ob ich mit den Bausteinen meines eigenen Bewusstseins hantierte.

Wenn ich diesen Prozess hier beschreibe, bin ich mir bewusst, dass es möglicherweise vielen Lesern hier genau so ergehen wird, wie mir damals: Dass sie glauben meine Ausführungen zu verstehen, aber doch nur bekannte Konzepte verwenden um die Illusion des Verstehens zu erzeugen. Übersetzt in Platons Höhlenwelt: Man baut sich mit zweidimensionalen Schattenbildern eine Vorstellung der dreidimensionalen Welt. Jedem ist klar, dass dies nicht funktioniert. Das macht gar nichts und liegt in der Natur der Dinge. Das einzige was zählt, ist, ob Du Dich angesprochen fühlst und es Dich neugierig macht, dieses Geheimnis, von dem ich Dir erzähle, selber zu entdecken. Bei mir begann es nämlich genau mit folgendem Gedanken: "Ich will auch hinter meiner Nasenspitze denken können".

Ich weiss, dass die Erkenntnisse, die ich mit diesem Text vermitteln möchte, für die meiste Menschen komplett neu sind. Kaum jemand spricht darüber. Man liest es bestenfalls in gewissen spirituellen Büchern oder allenfalls psychologischer Literatur. Und dort wird dieses Thema, zumindest nehme ich das so wahr, oft sehr schwammig und undifferenziert angesprochen. Scheinbar gelingt es den wenigsten, diesen Schleier zu lüften und ihn verständlich nahezubringen.

Um die tiefgreifende Bedeutung dieser Erkenntnis aufzuzeigen, muss ich einen kleinen Exkurs machen: Unser Denken und Fühlen wird zum grössten Teil von unbewusst verankerten Konzepten und Glaubenssätzen bestimmt. "Bestimmt", das bedeutet, wir haben kaum eine andere Wahl, als in den in uns vorgegebenen Bahnen zu denken, zu fühlen und zu handeln, und wahrzunehmen. Diese unbewusst verankerten Gedankenprozesse sind entstanden, weil unser Gehirn darauf angelegt ist, in dieser Wirklichkeit zu funktionieren. Wir lernen durch Wiederholung und Beobachtung wie Gegenstände miteinander wechselwirken, wie Menschen in bestimmten Situationen reagieren, wie man sich in der Gesellschaft zu verhalten hat um akzeptiert zu werden und wie man angeblich glücklich und erfolgreich werden kann. Dabei ist es egal, ob dieses Bild der Wirklichkeit, welches dann zu unserem "Weltbild" wird und unsere persönliche Realität formt, wahr ist oder nicht. Wenn die Menschen auf einen Schlag erkennen würden, aus wie vielen Lügen und Halbwahrheiten ihr Weltbild besteht, dann würden wohl die meisten zusammenbrechen.

Wir Menschen leben also in einer riesigen Illusion, die uns von uns selber (unserem Unterbewusstsein und Gehirn) als Wirklichkeit vorgegaukelt wird. Und der einzige Weg aus dieser Illusion heraus besteht darin, diese Illusion selber in sich aufzulösen. Dieser Gedanke mag bedrohlich klingen. Und er mag einige überfordern. Doch ich kann jeden nur ermutigen, diesen Weg zu beginnen oder ihn weiter zu gehen. Denn ich weiss, dass dieser Weg immer leichter wird, je mehr Menschen ihn gegangen sind. Es verhält sich ähnlich wie beim Besteigen von Berggipfeln: Die Erstbesteigung stellt ein grosses Abenteuer dar, für das viel Mut, Vorbereitung und Opferbereitschaft erforderlich sind. Doch irgendwann gibt es ein Gipfelrestaurant und eine Seilbahn führt hinauf.

Aber auch wenn es eine Seilbahn geben mag: Jeder der auf den Gipfel möchte, muss sich selber auf den Weg machen. Sonst wird er nie das Ziel erreichen und ewig in der Höhle die Schatten für die Wirklichkeit halten.